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Der Drache und die Zauberkugel (Märchen)

von Birgit Groth

Im Himmelsschloß, jenseits der großen Berge, inmitten eines lieblichen Tales gelegen, gebar die Königin ihrem Mann endlich den lang ersehnten Sohn. Ein wunderschöner Knabe mit goldenen Locken und großen, dunklen Augen. Leider starb die Mutter bei der Geburt des Kindes und es setzte ein lautes Wehklagen ein. So wurde der mutterlose Junge von allen Bediensteten verwöhnt und verhätschelt und jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen.
So war es dann kein Wunder, daß der kleine Prinz zu einem dickköpfigen, egoistischen und rücksichtslosen jungen Mann heranwuchs, dem es keiner mehr recht machen konnte.

Als er alt genug war, kamen die schönsten und anmutigsten Frauen des Landes an den Hof, um sich mit ihm zu vermählen. Aber nicht eine gefiel dem jungen Prinzen. Die eine zu dick, die andere zu dünn, zu alt, zu jung, zu häßlich, zu dumm. Als nur noch eines der jungen Mädchen übrig war, sprach der König ein Machtwort und vermählte die beiden miteinander. Aber auch an diese jungen bildschönen und anmutigen Frau hatte der Prinz etwas auszusetzen und weigerte sich, mit ihr das Brautgemach zu teilen. Lieber zog er mit Gleichgesinnten auf die Jagd oder prügelte sich durch die Wirtshäuser in den umliegenden Dörfern.

Verzweifelt wandte sich die junge Frau des Prinzen an den König. Dieser hatte nun genug von den ewigen Klagen über seinen Sohn und machte sich auf den Weg zu dem Zauberer, der hinter den neun Hügeln bei den drei Silbereichen in einer großen Höhle lebte. Voll Verständnis hörte der alte weise Zauberer dem König zu und wies ihn dann an, zurückzukehren.

Auf dem Schloß angekommen, erschrak der König bis ins Innerste. Vor der Burg in einer alten verfallenen Ruine lag ein großer fettleibiger, mit Runzeln bedeckter junger Drachen. Das war sein Sohn, der ehemals so schöne starke Prinz. All sein Hochmut und seine Arroganz hatten ihn so zu einem häßlichen Monstrum werden lassen. Als der Drache seinen Vater sah, schrie und grölte, greinte und bettelte er, doch der Vater konnte den Zauber nicht abwenden.

 

Drachenmärchen

Tage gingen dahin und nur seine Frau traute sich in seine Nähe und tröstete ihn. Stundenlang wartete er auf ihr Erscheinen und ließ sich dann von ihr die Geschehnisse vom Hofe und lange Geschichten erzählen. Sie wurde unentbehrlich für ihr und er änderte dabei unmerklich sein Wesen. Er, der dickbäuchige wabbernde häßliche Drachen liebte dieses zarte Wesen, das seine Häßlichkeit ebensowenig zur Kenntsin nahm, wie er vormals ihre Schönheit. Als seine junge Frau eines Tages nicht, wie gewohnt, bei ihm erschien, weinte er und aus den verquollenen dicklichen Augenlidern des Drachen quollen große grüne Tränen.
Seine Frau hatte sich unterdessen auf den beschwerlichen Weg gemacht, um bei dem Zauberer ein gutes Wort für ihren geliebten Mann einzulegen. Der alte Mann hatte ein Einsehen, wollte dem Prinzen jedoch nicht sofort seine alte Gestalt zurück geben. Zu lange hatte der Prinz seine Untergebenen gedemütigt. So gab er der jungen Frau eine bunt schillernde Zauberkugel mit.

Während der Drachen nun in seiner Höhle über seinem großen Kummer eingeschlafen war, hatte er einen wunderschönen Traum. Er träumte von seiner schönen jungen Frau, die engelsgleich mit einem weißen weiten, sich bauschenden Gewand aus einer Wolke auf ihn zuschwebte und eine kleine farbig schimmernde Kugel vor ihn hinlegte. Die Frau in seinem Traum sagte zu ihm, daß er, wenn er die Kugel nach Sonnenuntergang dreimal hin- und herrolle, bis zum frühen Morgen wieder seine alte Gestalt annähme. Als der Drachen erwachte, lag tatsächlich eine Kugel zu seinen Füßen und es geschah, wie im Traum vorhergesagt.
Überglücklich eilte er in das Brautgemach, wo seine liebliche Prinzessin ihn schon erwartete.

Doch erst als der alte König starb, nahm sein Sohn endgültig für immer seine alte Gestalt an und regierte ab dann gütig und weise bis ans Lebensende an der Seite seiner geliebten Königin das Volk.

 

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